Ein Jahr lang eigenes Staatswesen als Lernfeld
Beim Schulfest des Hans-Baldung-Gymnasiums in Schwäbisch Gmünd haben Schülerinnen und Schüler den symbolischen Startschuss für ein außergewöhnliches Bildungsprojekt gesetzt: Unter dem Namen „HaBeGistan” will die Schule ein ganzes Schuljahr lang ein fiktives Staatswesen betreiben und damit praktisches Lernen zu Staatsformen, Verfassung und politischer Teilhabe ermöglichen. Das Projekt umfasst nach Angaben der Schule eine selbst erarbeitete Verfassung, ein Parlament, gewählte Ämter, Parteien, Unternehmen und sogar eine eigene Währung.
Aufbau und Inhalte des Projekts
Lehrkräfte hatten die Rahmenbedingungen vorbereitet; die Schülerinnen und Schüler aus allen Klassen gestalteten anschließend die Ausgestaltung des Staates. Ergebnis ist eine Verfassung mit 66 Artikeln, in der unter anderem die Verteilung von Kompetenzen und das Wahlverfahren geregelt werden. Anders als in der Bundesrepublik entschieden sich die Beteiligten bewusst für eine andere Staatsform: In HaBeGistan ist nach dem Beschluss der Lernenden ein präsidentielles System vorgesehen, in dem der Präsident deutlich mehr Kompetenzen erhält als bei der parlamentarischen Regierungsform Deutschlands.
„Wir haben uns auf eine präsidentielle Republik geeinigt”,
so beschreibt eine Lehrkraft den Willen der Schülerinnen und Schüler, das Modell bewusst von der realen deutschen Verfassungsordnung abzuheben. Die Lehrkräfte betonen jedoch, dass der rechtliche Rahmen einer freiheitlichen, demokratischen Grundordnung vorgegeben wurde; darüber hinaus sollten die Jugendlichen eigene politische Konstellationen und Machtverteilungen erproben und diskutieren.
Praxisnahe Demokratiebildung statt rein theoretischer Schulstunde
Das Modellprojekt verknüpft mehrere Lernbereiche: Politische Bildung, Gemeinschaftskunde und Projektarbeit. Konkrete Elemente sind:
- Erarbeitung einer Verfassung mit konkreten Artikeln und Regelungen
- Durchführung von Wahlkämpfen und Wahlen für Präsident und Parlament
- Gründung fiktiver Unternehmen und Gestaltung einer eigenen Währung
- Diskussion von Gewaltenteilung, Vetorechten und richterlicher Unabhängigkeit
Solche praktischen Erfahrungen ermöglichen Schülern, komplexe politische Mechanismen nachzuvollziehen: Wie werden Entscheidungen legitimiert? Welche Folgen hat eine zentrale Exekutive? Und wie reagiert eine Gesellschaft auf Konflikte zwischen Organen?
Konsequenzen und Nutzen für die Schülerschaft
Für die beteiligten Klassen bedeutet das Projekt Arbeitsaufwand und Lernchancen zugleich: Über das kommende Schuljahr hinweg sind regelmäßige Sitzungen, parlamentarische Debatten und Wahlvorbereitungen vorgesehen. Lehrkräfte sehen darin die Möglichkeit, politische Bildung lebendig zu vermitteln und Schülern Kompetenzen wie Argumentation, Kompromissfindung und staatsbürgerliche Verantwortung praktisch zu vermitteln. Ebenso bleibt Raum für die Reflexion über demokratische Normen, wenn etwa geprüft wird, welche Konsequenzen ein gesetzliches Veto haben kann.
Übertragbarkeit und Grenzen
Solche Modellstaat-Projekte sind nicht neu, doch die Tiefe der Ausgestaltung am HBG, verbunden mit einer eigenständigen Verfassung und institutionellen Strukturen, ist bemerkenswert. Entscheidend bleibt die pädagogische Begleitung: Die Lehrkräfte haben laut Projektplanung die freiheitliche Grundordnung als Leitlinie vorgegeben, damit die praktische Auseinandersetzung nicht in undemokratische Praktiken abgleitet. Für Eltern und Interessierte bietet das Projekt zudem eine Anschauung, wie komplexe politische Fragen durch Partizipation verstanden werden können.
| Element | Geplante Ausgestaltung |
|---|---|
| Verfassung | 66 Artikel |
| Staatsform | Präsidentielle Republik |
| Dauer des Projekts | Ein Schuljahr |
Für die Region ist das HBG-Projekt vor allem ein Beispiel dafür, wie Demokratiebildung konkret und erlebbar gestaltet werden kann. Eltern und Lehrkräfte aus anderen Schulen könnten diese Umsetzung als Anregung nutzen, ähnliche Projekte zu planen oder in bestehenden Lehrplänen stärker zu verankern. Ob und wie die Erfahrungen von HaBeGistan nach Abschluss des Schuljahres in schulinterne Konzepte einfließen, bleibt abzuwarten.