Ein körperliches Monument gegen das Verstummen
Boris Charmatz, dem internationale Beobachter ein feines Gespür für die Grenzen des Tanzes attestieren, hat mit „Muette“ ein Werk vorgelegt, das in seiner Sparsamkeit und Intensität lange nachhallt. Im Kasino am Schwarzenbergplatz füllte der Franzose eine Stunde Bühnenzeit mit konzentrierter Präsenz: ein Solo, in dem Gestik und Mimik zum Träger einer politischen wie persönlichen Auseinandersetzung werden.
Charmatz beginnt in einer Art Ecke der Bühne, der Körper abgewandt, die Haltung erinnert an Sühne oder Strafe. Beim schrittweisen Entkleiden wird die athletische Figur zugleich besonders verletzlich. Immer wieder rückt der Mund ins Zentrum der Aufmerksamkeit: als Ort unterdrückter Lautäußerungen, als Andeutung eines stummen Schreis. Die Choreografie arbeitet mit präzisen, oft maskenhaften Gesichtsausdrücken und mit Bewegungen, die zwischen asketischer Strenge und klassischem Vokabular oszillieren.
Formen des Leidens und der Disziplin
Im Verlauf entfaltet sich ein Blick auf Schmerz und Zwang: Momente militärischer Marschrhythmen erscheinen, doch dominieren Bilder von Leidenden. Charmatz formt seinen Körper fast wie ein Bildhauer, konstruiert Haltungen, die zugleich ausgestellt und ausgeliefert wirken. Es sind Szenen, die auf innere Kämpfe verweisen—Angstzustände, die sich in ritualisierten Bewegungsabläufen entladen. Einzelne Sequenzen zitieren ältere Arbeiten und bekannte Vorbilder, ohne zur Retrospektive zu erstarren; sie erscheinen wie Echofragmente, die das Heute spiegeln.
"Reiß dich zusammen"
Die Performance liest sich als ein Kommentar auf die Unmöglichkeit, in einer Welt von Gewalt und Gleichgültigkeit zu entkommen. Charmatz zeigt Disziplin als Reaktion auf inneres Zerbrechen, zugleich entlarvt er sie als brüchigen Schutz. Am Ende hält er den Atem an—ein knappes, aber kraftvolles Schlussbild, in dem das Leben gewissermaßen ausgeatmet wird.
- Ort: Kasino am Schwarzenbergplatz
- Festival: ImPulsTanz
- Spieldauer: 50 Minuten
| Aspekt | Wirkung |
|---|---|
| Reduktion der Mittel | Erhöhte Intensität und Fokus auf Körperlichkeit |
| Maskenhafte Mimik | Verstärkung des Eindrucks von Leiden |
Die Vorführung bewies, wie stark ein einzelner Körper die Aufmerksamkeit eines Saals beanspruchen kann: Selbst Verkehrsgeräusche, die gelegentlich durchdrangen, wurden rasch als Störfaktor erlebt, weil die konzentrierte Präsenz Charmatz' eine feine, fragile Atmosphäre schuf. „Muette“ ist kein leicht zugängliches Spektakel, es verlangt Hingabe und bleibt dafür im Gedächtnis haften — ein stiller, eindringlicher Beitrag zur aktuellen Diskussion um Gewalt, Körper und Aufführungspraxis.
Als Performance für sich genommen fordert das Stück das Publikum heraus: Es konfrontiert mit Bildern von Verletzung und Selbstbeherrschung und fragt nach den Formen, in denen Schmerz gezeigt und zugleich verschwiegen wird. In der Intimität des Solos offenbart sich eine universelle Geste: das Ringen um Ausdruck, das Bekenntnis zur Verletzlichkeit und die Frage, wie Kunst dem Schweigen eine Form geben kann.