Ein furioser Einzug in die Vielfalt
Mit kräftigen Bildern und federnden Rhythmen hat die südkoreanische Choreografin Eun‑Me Ahn ihr Wien‑Debüt beim Festival ImPulsTanz im Burgtheater gegeben. Das Abendstück, betitelt „Post‑Orientalist Express“, führt in einem atemlosen Tempo durch eine Collage aus Referenzen: von traditionellen Märchen und Theaterformen bis hin zu zeitgenössischen Pop‑Ästhetiken. Die Aufführung balanciert zwischen ironischer Distanz und echter Zuneigung zu den dargestellten Kulturformen.
Zwischen Kritik und Feier
Ahns Inszenierung beginnt mit einer reflektierenden Schicht aus Video‑ und Fotoprojektionen, die das sogenannte post‑orientalistische Thema analytisch anfasst. Historische Gemälde und Filmikonen werden als Ausgangspunkt genommen, um Sichtweisen zu hinterfragen, die lange Zeit von außen auf asiatische Kulturen blickten. Diese kritische Vorarbeit mündet in eine opulent ausgestattete Revue, in der die Bühne von glitzernden Kostümen und raschen Metamorphosen beherrscht wird. Das Resultat ist weder einfache Verklärung noch belehrender Moralistentraktat, sondern eine Aufführung, die beides vereint: Bewusstsein für Problematiken und zugleich leidenschaftliche Würdigung lebendiger Traditionen.
Tradition trifft Theater
Auf der Bühne verschmelzen unterschiedliche Ausdrucksformen: Kabuki‑Anklänge, mythische Bezüge, Kampftechniken der Shaolin und folkloristische Elemente gestalten ein dichtes Panorama. Auch humorvolle Einwürfe wie ein riesiger Plüsch‑Panda lockern das Geschehen auf und zeigen Ahns Sinn für theatralische Überhöhung. Bemerkenswert ist die Ökonomie der Besetzung: Nur sieben Performer gestalten die wilden Verwandlungen und schaffen es, mit präziser Wandlungsfähigkeit ganze Bilderwelten zur Geltung zu bringen. Die Übergänge erinnern bisweilen an Zirkuskunst, so sehr spielen Körperlichkeit und visuelle Überraschung zusammen.
Ein anderes Erzählen über Exotik
Statt die gängigen exotisierenden Blickachsen zu reproduzieren, sucht Ahns Choreografie nach einem internen Zugriff: Sie rückt die Freude und die lebendigen Traditionen in den Vordergrund, lässt Mythen atmen und die Praxis der Künste als gegenwärtige, nicht nur historische Größe erscheinen. Am Ende steht ein ruhiges Solo in einem Drachenkostüm, das als verbindendes Symbol Asiens fungiert und die Aufführung mit stiller Würde ausklingen lässt.
- Choreografin: Eun‑Me Ahn
- Ort: Burgtheater im Rahmen von ImPulsTanz
- Ensemble: sieben Performer
| Aspekt | Charakteristik |
|---|---|
| Ästhetik | Knallbunte Kostüme, schnelle Verwandlungen |
| Inhalt | Mischung aus Kritik an Orientalismen und Feierer der Tradition |
| Stimmung | Humorvoll, virtuos, zum Schluss besinnlich |
Am Premierenabend war der Applaus groß: das Publikum honorierte die Mischung aus Sinn für Bildgewalt und die zärtliche Hinwendung zu überlieferten Formen. In einer Zeit, in der kulturelle Aneignung und Repräsentation intensiv diskutiert werden, bietet Ahns Beitrag keine einfachen Antworten, wohl aber ein Modell: kritisches Bewusstsein gekoppelt mit ästhetischer Präsenz. So bleibt „Post‑Orientalist Express“ ein sinnlicher, nachdenklicher Beitrag zum Festivalprogramm und ein weiteres Beispiel dafür, wie Tanz in Österreich aktuelle Fragen der Kulturpolitiken auf die Bühne bringt.