Die Leiterin des Kinder- und Jugendbuchverlags Oetinger, Julia Bielenberg, schlägt Alarm: Ihrer Darstellung zufolge sinkt die Fähigkeit von Kindern, Texte sinnvoll zu erfassen, seit Jahren – quer durch soziale Schichten. Sie fordert deutlich stärkere politische Initiativen und einen sogenannten „Elternführerschein“, mit dem Erwartungen an die elterliche Unterstützung für die frühe Förderung verbindlich gemacht werden sollen.
Was Bielenberg bemängelt
Nach Angaben der Verlagschefin gebe es bereits Kinder, die bei der Einschulung einfache Aufgaben nicht bewältigen könnten. Die Konsequenz sei laut ihr, dass Eltern frühzeitig und verbindlich in die Pflicht genommen werden müssten, damit alle Kinder mit einer vergleichbaren Grundlage in die Schule starten. Bielenberg spricht zudem von einem erheblichen Anteil von Grundschulabgängern, die nicht mehr in der Lage seien, sinnentnehmend zu lesen: "
Jedes vierte Kind, das die Grundschule verlässt, kann nicht mehr sinnentnehmend lesen."
Vorgeschlagene Gegenmaßnahmen
Im Kern verlangt die Verlagschefin:
- Verbindliche Erwartungen an Eltern durch einen Elternführerschein,
- Sehr frühe Sprachförderung, damit Kinder – unabhängig vom Migrationshintergrund – mit ähnlichen sprachlichen Voraussetzungen eingeschult werden,
- stärkeren politischen Einsatz zur Stärkung von Basisfähigkeiten.
Kontext: Startchancen-Programm des Bundes
Als Gegenpol zu den Forderungen steht das bereits laufende Angebot von Bund und Ländern: Das Startchancen-Programm begann im August 2024 und ist auf zehn Jahre ausgelegt. Es zielt darauf, grundlegende Kompetenzen zu fördern und richtet sich speziell an Schulen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler. Nach Angaben des Bundesbildungsministeriums profitieren rund 4.000 Schulen bundesweit von finanziellen Unterstützungen.
| Aspekt | Angabe |
|---|---|
| Dauer des Programms | 10 Jahre |
| Anzahl geförderter Schulen | ~4.000 |
| Fokus auf Grundschulen | 60 % der Förderung |
Das Programm legt den Schwerpunkt auf Lesen, Schreiben und Rechnen. Demnach erhalten insbesondere Grundschulen etwa 60 Prozent der Mittel, um Grundfertigkeiten von Beginn an zu stärken.
Was Eltern und Schulen jetzt tun können
Eltern sollten die Diskussion zum Anlass nehmen, die sprachliche Anregung im Alltag zu prüfen: Vorlesen, Gespräche und der Zugang zu Büchern fördern das Textverständnis nachweislich. Schulen können – innerhalb vorhandener Programme – gezielt Leseförderung in den Stundenplan integrieren und die Kooperation mit lokalen Bibliotheken oder Leseförderprojekten suchen. Konkrete Verpflichtungen wie ein "Elternführerschein" wären eine politische Entscheidung, die Gesetzgeber und Bildungsträger erst diskutieren und ausgestalten müssten.
Die Forderungen Bielenbergs bringen die Debatte um Lesekompetenz in die öffentliche Diskussion und stellen die Frage, ob bestehende Programme wie das Startchancen-Programm ausreichend sind oder durch zusätzliche, möglicherweise verpflichtende Maßnahmen ergänzt werden sollten.