In Wels zeigt sich hinter der allgemeinen Vorstellung von Barrierefreiheit als „rollstuhlgerecht“ ein deutlich weiteres Problemfeld: Für Menschen mit starker Sehbehinderung bleiben viele Alltagsbereiche unzureichend zugänglich. Carina Wölfl, die seit Geburt stark sehbeeinträchtigt ist und deren Sehkraft weiter abnimmt, beschreibt ihren Alltag in der Stadt als von wiederkehrenden Hindernissen geprägt. Begleitet wurde sie bei einem Gespräch von Annabelle Schlossgangl und Kathrin Kaufmann, die sich für Inklusion einsetzen.
Konkrete Defizite im öffentlichen Raum
Wölfl nennt mehrere wiederkehrende Probleme: taktile Leitsysteme für blinde Menschen seien an vielen Stellen unterbrochen, an Ampeln fehlten häufig akustische Signale, und zahlreiche Bildschirme oder Infopoints hätten keine Vorlesefunktion. Beim Einkauf spiele zudem die Hilfsbereitschaft des Personals eine große Rolle: Während etwa beim DM in der Bäckergasse die Unterstützung hervorragend sei, fühle sie sich in anderen Geschäften ohne Begleitung überfordert.
„Ohne fremde Hilfe geht in einigen Bereichen der Stadt gar nichts“, erzählt die 24‑Jährige.
Auch das Busfahren erweist sich als Herausforderung: Einige Fahrerinnen und Fahrer seien hilfsbereit, andere wirkten überfordert oder hätten keine Zeit. Der Umgang mit Fahrkartenautomaten sei für stark Sehbehinderte oft nicht praktikabel, sodass auch hier Unterstützung von Mitreisenden notwendig werde.
Bedeutung von gut lesbaren Informationen
Ein zentrales Anliegen von Wölfl ist der Informationszugang: Tafeln, Informationsschilder oder Beipackzettel seien oft zu klein gedruckt oder in schwer verständlicher Sprache abgefasst. Für Menschen mit Sehbeeinträchtigung sei das ein Ausschlussfaktor. Sie wünscht sich eine klare, einfache Sprache und größere, kontrastreiche Schrift sowie technische Vorlesefunktionen bei digitalen Anzeigen.
- Taktile Leitsysteme: vielfach unterbrochen, erschweren sichere Orientierung.
- Ampeln: fehlende akustische Signale an Kreuzungen.
- Öffentliche Bildschirme/Infopoints: oft ohne Sprachausgabe.
- Einzelhandel: variable Hilfsbereitschaft des Personals.
- Öffentlicher Verkehr: Unterstützungsbedarf beim Ein- und Ausstieg sowie bei Ticketautomaten.
Die Schilderungen zeigen, dass Barrierefreiheit nicht nur bauliche Anpassungen umfasst, sondern auch technische Lösungen, Schulung des Personals und eine barrierearme Kommunikation. Zu den strukturellen Maßnahmen, die in Städten wie Wels relevant sind, zählen beispielsweise flächendeckende, intakte taktile Leitstreifen, akustische Signalgeber an Fußgängerampeln, sowie digitale Informationssysteme mit Sprachausgabe und gut lesbaren Alternativen.
| Bereich | Problem | Auswirkung |
|---|---|---|
| Taktile Wege | Unterbrechungen | Orientierungsverlust, Abhängigkeit von Begleitung |
| Ampeln | keine Akustik | unsicheres Überqueren |
| Infopunkte | keine Vorlesefunktion | Informationssperre |
| Geschäfte | unterschiedliche Unterstützung | Einkaufsbarrieren |
Die Beschwerden sind konkret und nachvollziehbar; sie betreffen Alltagssituationen, die für alle Bürgerinnen und Bürger Relevanz haben. Menschen mit Sehbehinderung wollen selbstbestimmt handeln können — dazu brauchen sie verlässliche, barrierefreie Infrastruktur und barrierearme Information. Veränderungen erfordern Abstimmungen zwischen Stadtverwaltung, Verkehrsbetrieben, Gewerbe und zivilgesellschaftlichen Initiativen.
Praktische Schritte, die kurzfristig Wirkung zeigen könnten, sind Schulungen für Mitarbeitende im Handel und bei Verkehrsunternehmen hinsichtlich unterstützender Kommunikation, die Überprüfung und Reparatur taktiler Leitstreifen an zentralen Fußwegen sowie die Prüfung von Vorlesefunktionen an wichtigen Informationsgeräten. Langfristig gehören barrierefreie Standards bei Neubauten und Sanierungen sowie eine verpflichtende Nutzerprüfung durch Betroffene zur Planungspraxis.
Die Schilderungen von Wölfl und ihren Begleiterinnen machen deutlich: Barrierefreiheit ist mehrdimensional. Sie betrifft bauliche, technische und kommunikative Aspekte gleichermaßen. Für eine Stadt wie Wels bedeutet das, dass Inklusion nur dann gelingt, wenn sie systematisch angegangen und von Verantwortlichen konsequent umgesetzt wird.