Wenn im Supermarktregal die Preise steigen, aber das verfügbare Budget gleich bleibt, spüren viele Menschen unmittelbar, wie ungleich die Lasten verteilt sind. Solche Alltagserfahrungen stehen auch hinter der jüngsten Kritik des Tübinger Philosophen Otfried Höffe an der zunehmenden sozialen Ungleichheit und vor allem an exorbitanten Vorstandsgehältern.
Abbe als Maßstab: Zehnmal so viel wie der Durchschnitt?
Höffe erinnert an den Sozialreformer Ernst Abbe, dessen Vorschlag war, dass Gehälter von Führungskräften nicht mehr als das Zehnfache des durchschnittlichen Verdienstes der Belegschaft betragen sollten. Vor diesem Hintergrund kritisiert Höffe die heute weit verbreiteten Höchstgehälter in Konzernen als gesellschaftlich problematisch und ethisch zu hinterfragen.
Gerechtigkeitsdebatte zwischen Rawls und Utopie
In der Debatte um Verteilung verweist Höffe zugleich auf theoretische Gegenpole: Während Thomas Morus’ Utopia und die kommunistische Vorstellung Einkommensunterschiede weitgehend eliminieren, wäre der Preis dafür eine erhebliche Einschränkung individueller Freiheit. Höffe zitiert damit klassische Positionen und macht deutlich, dass radikale Gleichmacherei zumindest aus liberaler Sicht problematisch wäre.
"Die wirtschaftliche Ungleichheit wird auf Thomas Morus‘ Insel ‚Utopia‘ und in Karl Marx‘ Vorstellung einer kommunistischen Gesellschaft minimiert."
Historische Einordnung: Mehr Chancen, aber neue Probleme
Höffe mahnt, die aktuelle Ungleichheitsdiskussion nicht ohne historische Einordnung zu führen. Er erinnert daran, dass in den Nachkriegsjahrzehnten gravierende soziale Brüche stattfanden: Millionen Vertriebene verloren Hab und Gut und oft auch die Heimat. Zudem hat sich die Bildungslandschaft verändert. Während in den 1950er-Jahren nur etwa 5–6 Prozent eines Jahrgangs das Abitur erwarben, sind es heute rund 50 Prozent. Dies sei ein Fakt, der Chancen erweitert habe, ohne jedoch alle sozialen Spannungen zu beseitigen.
| Zeitraum | Anteil Abiturienten |
|---|---|
| 1950er Jahre | 5–6 % |
| Heute | ~50 % |
Freiheit versus Gleichheit – eine praktische Frage
Aus Höffes Sicht lohnt es sich, in dieser Spannungszone zu denken: Eine völlige Gleichheit würde die individuelle Freiheit stark einschränken; gleichzeitig sind extreme Wohlstandsanhäufungen sozial-ethisch problematisch. Er verweist damit auf die Notwendigkeit pragmatischer Lösungen, die sowohl Gerechtigkeit fördern als auch Freiheitsrechte respektieren.
Buchhinweis und Ausblick
Höffes Überlegungen sind in seinem Buch Der gierige Staat: Bausteine für eine gerechte Wirtschaft zusammengestellt (Verlag Karl Alber, 220 Seiten, 29 Euro). Die Thesen dürften die Debatte über Managergehälter, Verteilungspolitik und Bildungsgerechtigkeit weiter anheizen – Themen, die in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unmittelbare Auswirkungen haben.
- Höffe kritisiert extreme Vorstandsgehälter und verweist auf Abbe als Vorbild für eine Obergrenze.
- Er bettet die aktuelle Ungleichheitsdebatte historisch ein und nennt Fakten zur Bildungsentwicklung.
- Höffe warnt vor einfachen Lösungen: Freiheit und Gleichheit müssen in Ausgleich gebracht werden.