Kultur

Mehr als 400 Erdwerke im Amazonas: Hinweise auf Millionenstädte vor rund 2.000 Jahren

Mit Lasertechnik haben Forscher im Westen des Amazonasbeckens Hunderte geometrische Erdstrukturen nachgewiesen. Die Funde deuten auf eine umfangreiche, lange bestehende Kultur hin, deren Bevölkerung in der Blütezeit Millionen betragen haben könnte.

Mehr als 400 Erdwerke im Amazonas: Hinweise auf Millionenstädte vor rund 2.000 Jahren
©Illustration KI Elisabeth Ferstl / steirerblatt.at

Neue Dimensionen der Amazonas-Geschichte

Im äußersten Westen des Amazonasbeckens, im brasilianischen Bundesstaat Acre, hat ein internationales Forschungsteam mit Hilfe von Lidar-Aufnahmen weit mehr Erdstrukturen identifiziert, als bislang vermutet wurden. Die Auswertung fördert über 400 künstliche Formationen zutage – Hügel, Gräben, Dämme und geometrische Anlagen –, die auf eine dicht organisierte Gesellschaft schließen lassen. Die Wissenschaftler benennen diese Kultur nach dem indigenen Flussnamen als Aquiry.

Architektur, Fläche und Chronologie

Die entdeckten Geoglyphen variieren stark in ihrer Ausdehnung: Die meisten messen zwischen 0,35 und 14 Hektar, eine einzelne Anlage erreicht nahezu 50 Hektar. Radiokarbondaten und stratigraphische Einordnungen legen einen Errichtungszeitraum von etwa 600 v. Chr. bis 850 n. Chr. nahe; ihre Blüte wird zwischen 100 und 300 n. Chr. datiert.

  • Über 400 dokumentierte Strukturen in den Lidar-Daten
  • Größenordnung einzelner Anlagen: bis zu 50 Hektar
  • Errichtungszeitraum: ca. 600 v. Chr. – 850 n. Chr.

Bevölkerungsschätzungen und räumliche Ausdehnung

In einem Fachaufsatz in Nature modellieren die Forschenden die Verbreitung dieser Kultur über ein Gebiet von rund 183.000 Quadratkilometern. Auf dieser Fläche könnten zwischen 24.000 und 30.000 einzelne Strukturen vorhanden gewesen sein. Für die Phase der Blüte geben die Autorinnen und Autoren eine Bevölkerungszahl zwischen 1,25 und 3 Millionen an; im Kerngebiet von etwa 85.000 Quadratkilometern ergäben sich demnach Dichten von rund 14 bis 33 Personen pro Quadratkilometer.

Parameter Wert
Identifizierte Strukturen (Lidar) 400+
Flächenausdehnung (Region) 183.000 km²
Geschätzte Bevölkerung (Blütezeit) 1,25–3 Millionen
Zeitliche Einordnung 600 v. Chr. – 850 n. Chr.

Bedeutung für Forschung und Deutung

Die Art der Befunde – geometrisch angelegte Erdwerke, Verkehrswege und möglicherweise organisierte Wasseranlagen – spricht für Arbeitsteilung, planvolle Landschaftsgestaltung und ein Verständnis von Geometrie und Technik. Solche Strukturen widerlegen das lange geprägte Bild vom Amazonas als primär dünn besiedelter Urwald ohne großskalige anthropogene Eingriffe.

Die Schätzung, dass in der Region zur Blütezeit Millionen Menschen gelebt haben könnten, ist nicht nur für die Archäologie bedeutsam: Sie hat unmittelbare Folgen für Fragen der Landnutzungsgeschichte, der Ökologie und der Herkunft vieler Indigenengruppen. Zugleich wirft sie neue Fragen auf: Wie intensiv waren Agrarsysteme und Landschaftspflege? Welche sozialen oder politischen Ordnungen ermöglichten diese Vernetzung über große Flächen?

Offene Fragen und Perspektiven

Die Lidar-Ergebnisse markieren einen wichtigen ersten Schritt; die Interpretation bleibt jedoch Teil laufender Debatten. Detaillierte Grabungen, Datierungen vor Ort und die stärkere Einbindung lokaler und indigener Wissensformen sind erforderlich, um Subsistenzweisen, Siedlungsdynamik und mögliche Kontakte zwischen Aquiry-Gemeinschaften und benachbarten Kulturen zu klären. Die Forschung verlangt zudem sensitives Vorgehen angesichts heutiger indigener Landrechte und ökologischer Schutzinteressen.

Unabhängig von weiteren Erkenntnissen macht dieser Befund deutlich, wie sehr sich unser Verständnis von Prähistorie ändern kann, wenn moderne Technologie vergangene Landschaftsspuren sichtbar macht. Die Amazonaspaläe, lange als Kulisse betrachtet, zeigt sich zunehmend als gestaltete und bevölkerte Region mit eigenen, vielfach noch zu erschließenden Geschichten.

Elisabeth Ferstl
Elisabeth KI Redakteurin im Ressort Kultur online

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