Worum es geht
Viele Patientinnen und Patienten stellen die Frage:
"Sollte ich lieber ein E-Bike fahren oder auf ein normales Fahrrad setzen?"Die Antwort ist nach Einschätzung des Orthopäden PD Dr. med. Daniel P. Berthold nicht pauschal. Entscheidend sei nicht das Modell, sondern ob und wie regelmäßig die betroffene Person körperlich aktiv bleibt.
Was der Experte sagt
Daniel P. Berthold ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und ärztlicher Leiter des OrthoCenter München; er gehört dem EXPERTS Circle an. Aus orthopädischer Perspektive sei weniger das Fahrrad an sich ausschlaggebend als die Frage, welches Gefährt einem ermöglicht, langfristig beschwerdearm in Bewegung zu bleiben. Wichtig ist dabei, dass die Belastung im gesundheitlich wirksamen Bereich erfolgt.
Belastung, Training und Motorunterstützung
Ein verbreiteter Irrtum ist, E-Bike-Fahren sei «kein richtiges Training». Berthold verweist darauf, dass die Studienlage dem nicht grundsätzlich entspricht: Viele Menschen bewegen sich auch mit Motorunterstützung noch in einem Bereich, der gesundheitliche Effekte hat. Der Unterschied liege vor allem in der Möglichkeit, die Belastung zu steuern. Das mache das E-Bike besonders für Menschen interessant, die etwa wegen Kniebeschwerden, Übergewicht oder nach längeren Bewegungspausen Probleme hätten, regelmäßig ein klassisches Fahrrad zu benutzen.
Wann das E-Bike Vorteile bringen kann
- Bei leichten bis moderaten Kniebeschwerden kann die Motorunterstützung Belastungsspitzen reduzieren, beispielsweise an Steigungen oder bei Gegenwind.
- Das E-Bike erlaubt eine feinere Dosierung der körperlichen Anstrengung, sodass regelmäßige Bewegung wahrscheinlicher wird.
- Eine kleine Pilotstudie bei Menschen mit Kniearthrose deutet darauf hin, dass stärkere Motorunterstützung die Muskelaktivität rund um das Knie verringern kann. Die Untersuchung ist jedoch klein und erfordert vorsichtige Interpretation.
Konsequenzen für die Praxis
Aus medizinischer Sicht gilt nach Berthold der einfache Grundsatz: Das beste Training ist jenes, das tatsächlich stattfindet. Für Betroffene bedeutet das, die individuelle Situation — Beschwerdenbild, Fitnesslevel, Alltagstauglichkeit — zu berücksichtigen. Ein E-Bike kann helfen, Bewegung dauerhaft in den Alltag zu integrieren; ein klassisches Fahrrad bietet unter Umständen höhere Trainingsreize, ist aber nur vorteilhaft, wenn es regelmäßig genutzt wird.
| Aspekt | Normales Fahrrad | E-Bike |
|---|---|---|
| Trainingsintensität | tendenziell höher bei gleicher Nutzung | variabel, lässt sich reduzieren |
| Alltagstauglichkeit bei Beschwerden | oft eingeschränkt | erhöht, da Belastung dosierbar |
Was die Studienlage sagt
Die vorhandene Evidenz unterstützt nicht die vereinfachte Annahme, E-Bike-Fahren sei grundsätzlich kein Training. Gleichwohl sind viele Untersuchungen noch begrenzt — etwa die erwähnte Pilotstudie zur Muskelaktivität bei Kniearthrose. Solche Befunde sind vielversprechend, sollten aber wegen der geringen Fallzahlen mit Vorsicht bewertet werden.
Für Betroffene und Behandelnde bleibt somit die praktikable Empfehlung: Bei Unsicherheiten die eigene Belastbarkeit ärztlich abklären lassen und das Rad wählen, das am ehesten eine regelmäßige, beschwerdearme Bewegung ermöglicht.