Auswertung dokumentiert Lern- und Aufstiegsverluste
Eine aktuelle Auswertung des Bildungsministeriums, die der APA vorliegt, zeigt, dass das bisherige Modell der Deutschförderklassen in Österreich bei einem beträchtlichen Teil der betroffenen Schülerinnen und Schüler zu formalen Laufbahnverlusten geführt hat. Von den 22.800 Kindern, die im Schuljahr 2022/23 erstmals den außerordentlichen Status erhalten hatten, mussten 22 % einmal und weitere 3 % sogar zweimal die Klasse wiederholen.
Worum es bei der Regelung geht
Seit dem Schuljahr 2018/19 werden Schulanfänger und Quereinsteiger aus dem Ausland, die beim Zuteilungstest MIKA‑D nicht ausreichend abschneiden, in eigene Deutschförderklassen oder -gruppen eingeteilt. Zuletzt waren davon mehr als 48.000 Kinder betroffen. Im außerordentlichen Status erhalten sie bis zu 20 Stunden pro Woche Deutschförderung, maximal über eine Dauer von zwei Jahren. Gemeinsamer Unterricht mit der Stammklasse findet nur in vereinzelten Fächern wie Werken, Musik oder Turnen statt.
"MIKA‑D entscheidet derzeit über Aufstieg"
Konsequenzen für Schulbiografien
Laut Ministerium führte die starre Verknüpfung des MIKA‑D‑Ergebnisses mit dem Klassenaufstieg insbesondere an den Übergängen nach der vierten Schulstufe zu Nachteilen: Kinder im außerordentlichen Status erfüllten teilweise nicht die formalen Voraussetzungen für den Wechsel in andere Schularten. Zwar konnte eine Klassen- oder Schulkonferenz unter bestimmten Voraussetzungen dennoch einen Aufstieg beschließen, doch diese Flexibilität war eingeschränkt und zeitweise nur pandemiebedingt ausgeweitet worden.
Reform: Mehr Flexibilität ab Herbst
Ab Herbst sollen die Aufstiegsregeln gelockert werden. Bereits seit dem Schuljahr 2023/24 besteht die Möglichkeit, direkt in den ordentlichen Status zu wechseln, wenn das MIKA‑D‑Ergebnis erst am Ende des Schuljahres als "ausreichend" beurteilt wird — und nicht zwingend bereits nach dem ersten Semester. Diese Änderung mildert eine zentrale Kritik, ersetzt aber nicht alle strukturellen Fragen, die die derzeitigen Förderklassen aufwerfen.
- Betroffene Kinder: mehr als 48.000 Schülerinnen und Schüler in Deutschförderklassen
- Erstbefunde 2022/23: von 22.800 neu eingestuften Kindern wiederholten 22 % einmal, 3 % zweimal
- Förderdauer: bis zu zwei Jahre, maximal 20 Stunden pro Woche
Offene Fragen und politische Dimension
Die vorgestellten Zahlen werfen grundlegende Fragen zur Balance zwischen sprachlicher Integration und Chancengleichheit auf. Wenn Testleistungen über formale Aufstiegsentscheidungen dominieren, können Kinder trotz positiver Leistungen in anderen Fächern Laufbahnverluste erleiden. Die angekündigte Flexibilisierung zielt darauf ab, solche Härten zu mindern; ob sie ausreicht, wird von der konkreten Umsetzung und der Praxis an den Schulen abhängen.
| Jahr | Neu eingestufte Kinder | einmal wiederholt | zweimal wiederholt |
|---|---|---|---|
| 2022/23 | 22.800 | 22 % | 3 % |
Politisch bleibt die Frage, wie Integrationserfolg gemessen werden soll: primär über standardisierte Sprachtests oder über die Gesamtbeurteilung der schulischen Leistungen und Teilhabe. Die Antworten bestimmen nicht nur individuelle Bildungskarrieren, sondern langfristig auch die sozialen und ökonomischen Integrationsperspektiven der betroffenen Kinder.