Das großformatige Wandbild «Utopia» von Philippe Druillet, 1991 offiziell übergeben und jahrelang Teil des Stadtbilds von Lausanne, gilt seit zwei Dekaden als verschollen. Was einst ein rotes Raumschiff vor blauem Grund war, bildet nun einen Fall für Kulturhistoriker, Enthusiasten und investigative Spurensucher: War das Werk wirklich verloren, oder liegt die Wahrheit woanders?
Vom Fassadenbild zu 40 Metallplatten – und dann: das Verschwinden
Ursprünglich auf rund 200 Quadratmetern aufgebracht, war das Mural auf 40 Metallplatten befestigt und prägte das Viertel Le Flon bis zum Jahr 2003. Damals begann der Bau der Metrolinie M2; das Gebäude, an dem das Werk hing, wurde abgerissen und das Wandbild in seine Einzelteile zerlegt. Offiziell war vereinbart, die Platten einzulagern. Dennoch sind sie seither nicht auffindbar.
Die Spurensuche: Behördliche Zusicherungen und widersprüchliche Aussagen
Recherchen von Comicexperten und Sammlern, die sich 2025 ein Jahr lang mit dem Fall beschäftigten, legen ein Bild von Unstimmigkeiten vor. Verantwortliche der Lotterie Romande, die die Kosten getragen hatte, und ein damaliger Stadtrat bestätigten, dass der Auftrag zur Aufbewahrung erteilt worden sei. Demgegenüber berichtete der Lagerverantwortliche, der die Lieferung hätte annehmen sollen, dass die Metallplatten zu groß für den Lastenaufzug gewesen seien und er daher die Annahme verweigert habe.
«Roman Druillet hat in der Comic-Kunst eine Vorreiterrolle eingenommen»,
so der Comicexperte Yves de Mey über Druillets Bedeutung. Gleichzeitig machten die Suchenden deutlich, dass das Verschwinden eines so sichtbaren Werkes Fragen nach Dokumentation, Lagerprozessen und öffentlichen Sicherheitsmechanismen aufwirft.
- 1991: Übergabe und Einweihung des Werks.
- 2003: Abbau im Zuge des Baus der Metrolinie M2; Bild in 40 Platten zerlegt.
- 2025: Ein Jahr intensive Spurensuche durch Enthusiasten und Experten.
Folgen für den Umgang mit Kunst im öffentlichen Raum
Der Fall wirft über Lausanne hinaus grundsätzliche Fragen auf: Wie sichern Städte großformatige Arbeiten, wenn städtebauliche Eingriffe notwendig werden? Welche Dokumentationspflichten und Lagerstandards bestehen für subventionierte Werke? Und wie verhindern öffentliche Stellen, dass kulturelle Werte einfach verschwinden?
Für die Comic-Szene hat Druillet eine Sonderstellung; seine Arbeiten gelten als Pionierleistung in der Bildsprache des Genres. Ebenso eindringlich ist die Botschaft dieses Falls: Ein Werk mag von einer Generation geschaffen und bezahlt worden sein, doch seine Fortexistenz hängt von Organisation, Kommunikation und Sorgfalt mehrerer Institutionen ab.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1991 | Übergabe und Einweihung des Murals |
| 2003 | Abbau beim Abriss, Zerlegung in 40 Metallplatten |
| 2025 | Spurensuche durch Yves de Mey und Valentin Augsburger |
Ob «Utopia» tatsächlich im Müll gelandet ist, bleibt nicht abschließend geklärt. Die vorliegenden Aussagen zeigen jedoch einen institutionellen Bruch: Ein Auftrag zur Einlagerung wurde offenbar erteilt, die logistische Umsetzung scheiterte — und die physische Spur verlor sich. Für die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses bleibt dieser Fall eine mahnende Erinnerung daran, dass öffentliche Kunst nicht nur geschaffen, sondern auch sorgsam bewahrt werden muss.