Steiler Anstieg der Neudiagnosen
Im Jahr 2024 wurden nach einer aktuellen Auswertung der DAK-Gesundheit bundesweit knapp 202.000 Kinder und Jugendliche erstmals mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert. Das entspricht einem Zuwachs von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr und markiert damit einen deutlichen Anstieg in der Altersgruppe bis einschließlich 17 Jahren.
Unterschiede nach Geschlecht und Alter
Die Analyse zeigt ausgeprägte Geschlechtsunterschiede: Jungen erhielten 2024 etwa doppelt so häufig eine Erstdiagnose wie Mädchen. Konkret wurden laut Hochrechnung rund 136.500 Jungen und etwa 65.000 Mädchen erstmals mit ADHS diagnostiziert. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der Neudiagnosen bei Mädchen um 21 Prozent, bei Jungen um gut 14 Prozent. Im Vergleich zu 2020 liegt das Plus bei Mädchen sogar bei rund 46 Prozent.
Die Zunahme betraf alle Altersgruppen, am deutlichsten fiel der Anstieg jedoch bei Schulkindern im Alter von zehn bis 14 Jahren aus, wo ein Plus von 22 Prozent verzeichnet wurde. Bezogen auf die Häufigkeit bedeutet dies: 2024 erhielten etwa 18 von 1.000 Schulkindern erstmals die Diagnose ADHS; im Jahr zuvor waren es rund 15 von 1.000. Besonders häufig sind Erstdiagnosen bei Grundschulkindern: Im Alter von fünf bis neun Jahren lag die Rate 2024 bei fast 24 von 1.000 Kindern.
Was ADHS bedeutet und mögliche Ursachen
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist die häufigste psychische Störung in der Kindheit und Jugend und kann bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Betroffene zeigen unter anderem verringerte Ausdauer, eine erhöhte Ablenkbarkeit sowie gesteigerten Bewegungsdrang; zudem sind Impulsivität und emotionale Instabilität häufig. Experten gehen von einem Zusammenwirken genetischer Faktoren und Umweltbedingungen aus.
"ADHS ist keinesfalls eine ‚Modediagnose oder Überdiagnostik'", sagt der Experte
Folgen für Versorgung und Praxis
Der erkennbare Anstieg der Diagnosen wirft Fragen zur ärztlichen Versorgung, zur schulischen Unterstützung und zur Ausrichtung präventiver Maßnahmen auf. Höhere Fallzahlen bedeuten steigenden Bedarf an spezialisierten Diagnostikangeboten, psychosozialen Unterstützungsleistungen und Unterrichtsmaßnahmen, die auf die Bedürfnisse betroffener Kinder eingehen. Zugleich wird in Fachkreisen diskutiert, inwiefern veränderte Wahrnehmung, verbessertes Screening oder tatsächliche Zunahmen von Risikofaktoren – etwa veränderte Umweltbedingungen – die Zahlen beeinflussen.
- 2024: rund 202.000 Neudiagnosen bei unter 18-Jährigen
- Geschlecht: ca. 136.500 Jungen vs. 65.000 Mädchen
- Altersgruppe 5–9: fast 24 von 1.000 mit Erstdiagnose
| Jahr/Gruppe | Rate/Anmerkung |
|---|---|
| 2024 (gesamt) | ~202.000 Neudiagnosen |
| Jungen 2024 | ~136.500 |
| Mädchen 2024 | ~65.000 (Zuwachs 21% gegenüber 2023) |
| Schulkinder (10–14 Jahre) | Zuwachs 22% |
Für Politik und Gesundheitswesen bedeutet das erhöhte Aufkommen, Versorgungskapazitäten zu prüfen und präventive wie therapeutische Angebote zielgerichtet auszubauen. Außerdem sind eine geschlechtssensible Diagnostik und die Fortbildung von Ärztinnen, Ärzten sowie Pädagoginnen und Pädagogen wichtig, damit subtile oder atypische Erscheinungsbilder – etwa bei Mädchen – besser erkannt werden.
Die DAK-Analyse liefert umfangreiche Daten für 2024, spricht jedoch nicht abschließend darüber, welche Faktoren den Anstieg erklären. Weitergehende, sorgfältig methodisch abgesicherte Untersuchungen wären notwendig, um Ursachen zu differenzieren und geeignete Handlungsstrategien zu entwickeln.