Renaturierung als Antwort auf Hitze, Regulierung und Artenrückgang
An der Großen Tulln bei der Emmersdorfer Wehr in Neulengbach sind derzeit noch Eisvogel und Graureiher zu beobachten – Zeichen dafür, dass das Gewässer trotz Belastungen noch Fischbestände aufweist. Fachmann Martin Mühlbauer, der im Fischereiverband tätig ist und in Niederösterreich Renaturierungsprojekte betreut, beschreibt jedoch eine Situation, die durch zwei zentrale Faktoren geprägt ist: Klimawandel und die historische Regulierung der Flussläufe.
Mühlbauer berichtet von gemessenen Höchsttemperaturen der Großen Tulln von über 30 Grad im Juni. Das erhöhte Wärmeniveau treibt laut ihm ökologische Verschiebungen voran: wärmeliebende Arten wie die Barbe gewinnen, während die für kaltes Wasser typischen Arten wie Bachforelle und die inzwischen seit 30 Jahren verschwundene Äsche zurückgedrängt werden. Als Ursache nennt er neben der Erwärmung die starke Einfassung der Gewässer.
„Ein deutlicher Beweis für den Klimawandel“,
so Mühlbauer zu den Temperaturwerten. Vor rund 100 Jahren begonnene Eingriffe nach dem sogenannten "Florianiprinzip" zwangen Bäche in enge Gerinne. Anstatt natürlicher Uferstrukturen finden sich an der Großen Tulln heute oft Betonwände, die dem Fluss lediglich zehn Meter Platz lassen. Folgen sind fehlende Kiesbänke zum Laichen, fehlendes Totholz als Versteck und eingeschränkter Wasseraustausch.
Was die geplante Aufweitung bringen soll
Die seitens der Stadtgemeinde Neulengbach angestrebte Renaturierung zielt darauf ab, Teile des Flusslaufs in einen natürlicheren Zustand zurückzuführen. Erwartete Effekte sind:
- Wiederherstellung von Laich- und Aufwuchsflächen durch Schaffung von Kiesbänken
- mehr Versteck- und Strukturangebote durch Totholz und flache Uferbereiche
- verbesserter Wasseraustausch und damit stabilere Lebensräume für kälteempfindliche Arten
Diese Maßnahmen könnten zugleich die Folgen extremer Niederschläge abmildern: Ein weitläufigeres Flussbett böte temporär mehr Rückhaltevolumen als der jetzt enge, kanalartige Lauf.
Konkrete Bedeutung für Menschen im Bezirk
Für Anrainerinnen und Anrainer bedeutet die Renaturierung nicht nur ökologischen Gewinn. Mehr Raum für den Fluss kann das Risiko lokaler Überflutungen reduzieren und den Erholungswert an der Tulln steigern. Zugleich sind Änderungen an Uferbefestigungen und Flächenbedarf kulturell und baulich relevant – eine Abstimmung mit Gemeinden und Grundeigentümerinnen wird nötig sein.
| Faktor | Auswirkung |
|---|---|
| Temperatur (>30 °C gemessen) | Verschiebung der Fischgemeinschaft zugunsten wärmeliebender Arten |
| Regulierung (seit ~100 Jahren) | Verlust von Kies- und Totholzstrukturen; eingeschränkter Wasseraustausch |
| Breite des Gerinnes (~10 m) | begrenzter Lebensraum, erhöhtes Hochwasserrisiko |
Ob und in welchem Umfang die Pläne umgesetzt werden, ist noch Gegenstand der Planung. Wichtig für den Bezirk ist: Renaturierung kann sowohl Naturschutz als auch lokalen Hochwasserschutz dienen. Entscheidend wird sein, die Maßnahmen so zu gestalten, dass ökologische Ziele und Interessen der Anrainerinnen in Einklang gebracht werden.
Für Bürgerinnen und Bürger im Bezirk Tulln empfiehlt es sich, die Planungen der Stadtgemeinde Neulengbach zu verfolgen und bei Informationsveranstaltungen mitzuwirken – insbesondere, wenn private Uferflächen betroffen sind oder Änderungen an Gewässerstrukturen lokale Schutzbedarfe berühren.