Eine Premiere mit lauen Temperaturen und verhaltenem Applaus
Die Premiere von Robert Carstens "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen fand an einem lauen Abend auf dem Domplatz statt. Was in den vergangenen beiden Jahren als frische, wenn auch polarisierende Lesart des Hofmannsthal-Stücks erschien, zeigte sich in der dritten Saison zunehmend als wohlfeile Wiederholung: eine elegante Abfolge von Festen und Verführungen, deren Glanz in Teilen zu stumpfen Reflexen geriet.
Schwankende Bühnenchemie und die Last der Wiederholung
Im Zentrum des Abends steht Philipp Hochmair, dessen Jedermann diesmal eine spürbare Müdigkeit an den Tag legt. Diese Haltung überträgt sich phasenweise auf das Publikum und schwächt die Dringlichkeit der Konfrontation mit dem Tod. Die neue Buhlschaft, Roxane Duran, kommt dagegen in der Rolle nicht zu dem Profil, das die Figur in dieser Inszenierung verlangt. Wo zuvor Deleila Piasko als selbstbewusstes It-Girl agierte, wirkt Duran mehr wie eine entfernte Verehrerin denn als energetische Gegenkraft.
Gespaltene Eindrücke bei den Neubesetzungen
Auch die Besetzung der Mutter mit Daniela Ziegler folgt einer Reihe prominenter Wechsel: Sie tritt die Nachfolge von Andrea Jonasson an, vermag jedoch nicht in gleichem Maße eine glaubwürdige emotionale Bindung zu Hochmairs Figur herzustellen. Das Resultat sind zwei zentrale Neuerungen, die den Abend weniger bereichern, als man es erhofft hätte.
"Dance, dance, dance, dance, dance until I die / Medicate myself 'til my head is in the sky"
Musikalische Einwürfe und moderne Songs durchziehen die Inszenierung und verorten die Gartenparty des Jedermann im Hier und Jetzt. Die opulente Partyästhetik bleibt zweifellos reizvoll, verliert aber an Kontrast, wenn die Figurenzeichnung flacher ausfällt.
- Regie: Robert Carsen (3. Jahr seiner Inszenierung)
- Jedermann: Philipp Hochmair
- Buhlschaft: Roxane Duran
- Mutter: Daniela Ziegler (Nachfolge Andrea Jonasson)
- Spieldauer: 110 Minuten
| Element | Bemerkung |
|---|---|
| Ort | Domplatz, Salzburg |
| Wetter | laue Temperaturen |
| Dauer | 110 Minuten |
In ihrer Gesamtheit bleibt Carstens Interpretation ein ästhetisch starker, handwerklich präziser Abend, der jedoch an Durchschlagskraft verliert, wenn die Figuren nicht die nötige Schärfe erhalten. Die Inszenierung bietet weiterhin verführerische Bilder und Momente echter Theatralik, doch die dritte Saison legt offen, wie schnell die Kapazität einer, wenn auch opulenten, Lesart erschöpft sein kann.
Die Premierenkritik wird nicht zuletzt vom Fehlen jener Funken bestimmt, die Bühnenmomente unvergesslich machen: überraschende Beziehungskonstellationen, neue emotionale Brüche oder eine deutliche Verschiebung im Spielrhythmus. Ohne solche Brüche bleibt der Abend ein sorgsam präsentierter, aber in Teilen abgenutzter Umgang mit einem Klassiker.