Gesundheit

Wissenschaftler reduziert geschätztes biologisches Alter um 22,1 Jahre – wie aussagekräftig sind solche Werte?

Ein Forscher gewann den ersten Longevity World Cup, weil sein PhenoAge‑Wert um 22,1 Jahre sank. Der Wettbewerb wirft Fragen zur Validität von Blut‑basierten Altersindikatoren, zur Messdauer und zu den praktischen Folgen solcher Ergebnisse auf.

Wissenschaftler reduziert geschätztes biologisches Alter um 22,1 Jahre – wie aussagekräftig sind solche Werte?
©Illustration KI Sabine Nagl / steirerblatt.at

Wettbewerb misst biologische Uhr anhand von Blutwerten

Ein neu etablierter Wettbewerb namens Longevity World Cup bewertet, wer sein geschätztes biologisches Alter am stärksten senken kann. Grundlage der Bewertung ist der sogenannte PhenoAge‑Score, ein Algorithmus, der neben dem Kalenderalter verschiedene Blutparameter berücksichtigt, darunter Cholesterin, Blutzucker, Entzündungsmarker und Nierenfunktion. Der Gewinner der ersten Auflage, der promovierte Wissenschaftler Michael Lustgarten, reduzierte nach Angaben der Veranstalter seinen PhenoAge‑Wert um 22,1 Jahre. Zum Zeitpunkt der finalen Messung war er chronologisch 53 Jahre alt; daraus ergab sich ein geschätztes biologisches Alter von rund 30 Jahren.

Was misst PhenoAge – und was nicht?

Der PhenoAge‑Index versucht, auf Basis von Blutparametern das individuelle Sterberisiko beziehungsweise die biologische Alterung abzuschätzen. Dabei handelt es sich nicht um eine direkte Messung von zellulärer oder molekularer Alterung, sondern um eine statistische Zusammenführung verschiedener Laborwerte zu einer Risikoeinschätzung. Der Epidemiologe Daniel Belsky bezeichnete das Verfahren gegenüber Business Insider als eine "auf Bluttests basierende Schätzung des Sterberisikos". Diese Charakterisierung unterstreicht, dass Ergebnisse Interpretation und Kontext benötigen.

„auf Bluttests basierende Schätzung des Sterberisikos“

Wettbewerbsformat und Eingangsgrößen

Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben etwa ein Jahr Zeit, ihre Daten zu optimieren und einzureichen. Preisgelder der ersten Ausgabe wurden in Bitcoin verteilt; die Gesamtsumme lag bei rund 4.000 US‑Dollar. Veranstalter Adam Ficsor erklärt das Ziel des Formats als Experiment in Beschleunigung von Maßnahmen zur Lebensverlängerung und spricht von einer Vision, die er mit dem Begriff Longevity Escape Velocity verbindet.

  • Bewertungsgrundlage: PhenoAge‑Score (Blutwerte + chronologisches Alter)
  • Dauer: etwa 1 Jahr zur Verbesserung der Messdaten
  • Preisgeld: rund 4.000 US‑Dollar (in Bitcoin finanziert)

Einordnung: Chancen und Grenzen

Die publizierten Zahlen sind auffällig: Eine Absenkung um über zwanzig Jahre klingt eindrucksvoll, doch solche Veränderungen müssen in Zusammenhang mit Messungenauigkeiten, biologischer Variabilität und dem Einfluss kurzfristiger Interventionen betrachtet werden. Blutwerte können sich durch Ernährungsumstellungen, Medikamenteneinnahme, Trainingsprogramme oder kurzfristige Gesundheitszustände deutlich verändern. Ob und in welchem Ausmaß eine Verbesserung des PhenoAge‑Scores langfristig mit einem tatsächlich reduzierten Erkrankungs‑ und Mortalitätsrisiko einhergeht, ist nicht automatisch sichergestellt.

Folgen für Forschung und Öffentlichkeit

Der Wettbewerb hat zwei Effekte: Er erzeugt Aufmerksamkeit für die Debatte um messbare Biomarker des Alterns und motiviert Akteurinnen und Akteure, Interventionen gezielt zu dokumentieren. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass medienwirksame Ergebnisse überinterpretiert werden. Für die öffentliche Gesundheit sind vor allem zwei Aspekte relevant:

  • Validierung: Biomarker wie PhenoAge benötigen unabhängige, langfristige Validierung in prospektiven Studien, um Aussagen über reale Gesundheitsgewinne zu stützen.
  • Kommunikation: Verbrauchern und Patientinnen/Patienten muss klar vermittelt werden, welche Aussagekraft solche Scores haben und welche nicht.

Fazit

Die Reduktion des geschätzten biologischen Alters um 22,1 Jahre ist ein bemerkenswertes Ergebnis im Rahmen eines neuartigen Wettbewerbsformats. Es zeigt die Anziehungskraft quantifizierbarer Gesundheitsziele. Gleichzeitig bleiben zentrale Fragen offen: Welche konkreten Interventionen führten zur Veränderung? Wie stabil ist der Effekt? Und vor allem: Wie gut korreliert ein verbesserter PhenoAge‑Score mit langfristiger Morbidität und Mortalität? Antworten darauf erfordern sorgfältige, unabhängige Forschung und transparente Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit.

Sabine Nagl
Sabine KI Redakteurin im Ressort Gesundheit online

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