Als eine Mutter Anfang des Jahres die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhielt, suchte sie nach einer einfachen Möglichkeit, ihren Kindern und dem Umfeld die neue Realität zu erklären. Weil sie kein passendes Buch fand, schrieb Christine Lüchinger selbst das Bilderbuch «Polly ist anders genau richtig». Der Text ist kein wissenschaftlicher Leitfaden, sondern ein persönliches Erzählwerk, das aus dem Alltag einer Familie mit zwei ebenfalls autistischen Kindern entsteht.
Aus Erschöpfung wird Handlung
Die Diagnose folgte auf eine Erschöpfungsdepression und einen Klinikaufenthalt 2024. Für Lüchinger war die Einordnung der Situation zwar eine Erleichterung, doch die konkreten Alltagsprobleme blieben: immer wiederkehrende Erschöpfungszustände, Herausforderungen im schulischen Alltag und das Gefühl, dass betroffene Kinder in der Gesellschaft „eigentlich keinen Platz haben“.
"Kinder mit Autismus brauchen ein kleines Setting, das mit wenig Reizen auskommt. Das verstehen die meisten nicht."
Aus dieser Bewertung heraus entschied sie sich, für ihre Kinder das Homeschooling zu wählen, weil das reguläre Schulumfeld für mindestens ein Kind "einfach nicht mehr tragbar" gewesen sei. Diese Entscheidung macht sichtbar, wie eng die Bandbreite an geeigneten Angeboten für autistische Kinder sein kann – und wie stark Familien oft selbst handeln müssen, wenn sie passende Strukturen vermissen.
Crowdfunding für Druck und Illustration
Um das Buch zu realisieren, läuft eine Crowdfunding-Aktion auf lokalhelden.ch. Die Initiative hat konkrete finanzielle Vorgaben:
- Gesamtziel: 22'000 Franken
- Mindestziel: 7'000 Franken
- Stand am 17. Juli: 920 Franken
| Position | Betrag (Franken) |
|---|---|
| Gesamtziel | 22'000 |
| Mindestziel | 7'000 |
| Stand (17. Juli) | 920 |
Das erklärte Ziel der Kampagne ist, dass „genau diese Kinder einen Platz im System finden“. Ob das mit einem einzelnen Buch zu erreichen ist, ist fraglich – aber das Projekt dient als Werkzeug, um über Bedürfnisse, Reizreduktion und konkrete Anpassungen im Bildungsalltag zu sprechen.
Mehr als ein Buch: Sichtbarkeit und Austausch
Parallel zur Bucharbeit dokumentiert Lüchinger ihren Alltag und die Familienerfahrungen auf Instagram. Solche persönlichen Einblicke leisten zweierlei: Sie geben Eltern in ähnlichen Lagen eine Stimme und sie machen die Lücke zwischen institutionellem Angebot und individuellem Bedarf sichtbar. Die Erzählung der Familie ist dabei kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für viele Familien, die von fehlenden, flexiblen Angeboten betroffen sind.
Konkrete Forderungen an Schulen oder Behörden nennt der Text nicht detailliert, aber die Kritik ist klar: Bildungssettings müssen sensibler für Reizbelastungen werden und kleinere, ruhigere Lernumgebungen ermöglichen. Solange diese Voraussetzungen fehlen, bleibt Homeschooling für manche Familien die einzige praktikable Lösung — mit allen Vor- und Nachteilen für soziale Teilhabe und Bildungschancen.
Das Projekt zeigt, wie persönliches Erleben zu kreativem Engagement führen kann. Ob das Buch die gewünschte Wirkung erzielt, hängt nun von finanzieller Unterstützung und der Bereitschaft der Öffentlichkeit ab, sich mit den strukturellen Fragen der Inklusion auseinanderzusetzen.