Handwerk statt Vollzeit: Die Stickerei als Lebensinhalt
In der Lienzer Schweizergasse sitzt Robert Oberrainer an seinem Computer und bereitet eine neue Stickvorlage vor. Mit 74 Jahren hat er das Geschäftsjahr nicht mehr als Existenzsicherung im Blick, sondern betreibt seine Stadtstickerei vor allem aus Freude am Tun. Das kleine Geschäft gegenüber dem Gasthof Stern ist seit rund einem Jahr wieder der Ort, an dem Oberrainer Kundenaufträge annimmt und Textilien bestickt.
Vom Schaufensterdekorateur zum Hobby-Unternehmer
Ursprünglich arbeitete Oberrainer als Schaufensterdekorateur und führte schon in jungen Jahren ein eigenes Unternehmen. Später eröffnete er in der Schweizergasse ein Geschäft für Berufsbekleidung, das unter anderem bestickte Kochkleidung an berufsbildende Schulen lieferte. Nach der Pensionierung gab er das größere Geschäft auf, doch die Stickerei blieb. Sie wurde nun bewusst nicht als Einkommensquelle betrieben, sondern als handwerklicher Zeitvertreib und Angebot für die Nachbarschaft.
Standortwahl und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
Die Lage in der Schweizergasse ist kein Zufall: Oberrainer verweist auf bezahlbare Mieten außerhalb der Innenstadt. Die geringe finanzielle Belastung ermöglicht es ihm, das Atelier ohne Druck zu führen. Teile seiner Pension tragen die laufenden Kosten. Diese Kombination aus Renteneinkommen und moderatem Mietniveau macht das Fortbestehen des kleinen Handwerksbetriebs möglich – ohne Masseproduktion oder gewinnorientierte Expansion.
- Altersstruktur: Betrieb als sinnstiftende Beschäftigung nach Pensionierung
- Kunden: Privathaushalte mit persönlichen Aufträgen, etwa Taufkleider und Handtücher
- Wirtschaftliches Konzept: Ergänzung durch Pension, kein Zwang zu größeren Stückzahlen
„Es soll ein Hobby bleiben und es soll mir Spaß machen.“
Die Maschine bestickt in wenigen Minuten ein Motiv auf Stoff – doch für viele Kundinnen und Kunden ist es die persönliche Note, die zählt. Häufig kommen Menschen mit individuellen Stücken: von Taufkleidern bis zu Handtüchern. Solche Aufträge unterstreichen den lokalen Bedarf an handgemachten, personalisierten Leistungen, die große Handelsketten nicht leisten.
Bedeutung für die Lienzer Innenstadt
Kleine Läden wie die Stadtstickerei prägen das Bild der Gassen und bieten Dienstleistungen, die über reinen Konsum hinausgehen. Sie schaffen Begegnungsräume und erhalten traditionelle Handwerkskompetenzen. Für ältere Unternehmerinnen und Unternehmer ist das Angebot, ein Geschäft ohne existenziellen Druck zu führen, ein Modell, das Anschluss an die Gemeinde sichert und zugleich den Ortskern belebt.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 2005 | Eröffnung eines Geschäfts für Berufsbekleidung in der Schweizergasse |
| rund 12 Jahre vor heute | Pensionierung von Oberrainer (im Text als seit zwölf Jahren pensioniert erwähnt) |
| vor rund 1 Jahr | Rückkehr in die Schweizergasse mit der Stadtstickerei |
Für Bewohnerinnen und Bewohner im Bezirk Lienz bedeutet das Angebot konkret: Erreichbare, persönliche Handwerksleistungen, die örtliche Vielfalt und ein sichtbares Zeichen dafür, dass Arbeit nach der Pensionierung weiterhin sinnvoll und erfüllend sein kann. Die Stadtstickerei steht somit für eine Form des lokalen Unternehmertums, die nicht auf Wachstum, sondern auf Beständigkeit und Qualität setzt.